5. Januar 2011

Bleiben oder gehen? Für die Möche von Thibherine ist die Antwort auch eine Glaubensfrage

Jeder Tag ein guter Tag

„Von Menschen und Göttern“ wird zurecht als Meisterwerk gefeiert. Der französische Kinofilm über Trappistenmönche, die 1996 Opfer des algerischen Bürgerkriegs wurden, ist ein eindringliches Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz. Und er zeigt, wie man ein erfülltes Leben führen kann – selbst angesichts von Todesgefahr

Von Menschen und Göttern, Filmtrailer

Bürgerkrieg in Algerien, 1993. Militärregierung und islamische Fundamentalisten sind in einen grausamen Bürgerkrieg verstrickt, der am Ende fast 100 00 Tote gefordert haben wird. In einem Kloster in den Bergen bei Thibherine leben neun Trappistenmönchen ein friedvolles und asketisches Leben, in freundschaftlichem Einvernehmen mit den muslimischen Einwohnern der benachbarten Dörfer, die bei den Mönchen immer Hilfe finden, ob in medizinischen Fragen oder anderen Nöten. Als in der Nähe kroatische Gastarbeiter von islamischen Rebellen ermordert werden und die Rebellen auch in das Kloster eindringen, wird den Mönchen bewusst, dass ihr christlicher Glaube sie in Lebensgefahr bringen kann.

Man legt ihnen nahe, das Kloster zu verlassen. Die Mönche zögern. In der Abgeschiedenheit der Berge haben sie ihre Heimat gefunden und sind zu einer Gemeinschaft geworden. Sie haben eine Verantwortung übernommen, vor Gott und in der Hilfe für ihre Nachbaren. Doch sollen sie deshalb ihr Leben aufs Spiel setzen? Die Mönche diskutieren, zweifeln, kämpfen mit sich – und entschließen sich zum Bleiben. Etwa drei Jahre später, in der Nacht des 27.März 1996, überfällt eine Gruppe von Bewaffneten das Kloster und entführt sieben der Mönche. Eine islamische Extremistengruppe bekennt sich zu der Tat und fordert von der französischen Regierung die Auslieferung von Gesinnungsgenossen.

Hier endet der Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Der Abspann berichtet über den weiteren Hergang: Die Forderung der Entführer wird nicht erfüllt. Einige Wochen später werden die Köpfe der sieben Mönche am Rand einer Straße gefunden. Ihre Körper bleiben verschollen.

Was hätte wohl Hollywood aus diesem Stoff gemacht? Vermutlich ein Action reiches Drama von Seelenqual und Märtyrertum, mit einer Botschaft, die – vielleicht – politisch korrekt gewesen wäre. Der französische Regisseur Xavier Beauvois lässt all das beiseite. Mit ruhigen, fast schon dokumentarischen Bildern schildert er das ritualisierte Leben im Kloster: Gebete, Gesänge, das gemeinsame, schweigend eingenommene Mahl. Die Arbeit im Klostergarten. Der Verkauf von Honig auf dem Markt. So schwingt er sich in einen meditativen Rhythmus ein, der auch später, wenn die Spannung steigt, nicht aufgegeben wird.

Trappisten sind Kontemplative, haben keinen Missionsauftrag. So muss nicht über Kreuzzüge oder die Wurzeln des algerischen Bürgerkriegs diskutiert werden. „Von Menschen und Göttern“ predigt nicht“, schreibt Rainer Gansera auf sueddeutsche.de, „sondern zieht uns in eine fortwährende Selbstbefragung. Könnte ich der Gewalt widerstehen mit Gewaltlosigkeit, das eigene Leben einsetzend, in der Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten wird?“

„Wie würden Sie ihren Film in drei Worten zusammenfassen?“ wurde Regisseur Xavier Beauvois gefragt. Seine Antwort: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Dabei ist der Film frei von wohlfeiler Versöhnungsromantik. Beauvois heroisiert die Mönche nicht, idealisiert nicht „gute“ Muslime und dämonisiert nicht die islamistischen Rebellen. Sein Film, gespielt von hervorragenden Darstellern, ist ein unaufdringliches und deshalb um so eindringlicheres Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz.

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