14. September 2011

Glück los

Um 3:30 Uhr aufstehen, bis zu 13 Stunden unbeweglich auf einem Kissen sitzen, dazu harte Arbeit im Freien, im schwül-heißen Sommer wie im eiskalten Winter: Ist das die Hölle? Ist es ein Glück? Es ist vor allem Alltag – für Muho, den deutschen Abt des japanischen Zenklosters Antaiji

Von der japanischen Drei-Millionenstadt Osaka bis nach Antaiji sind es nur 180 Kilometer, doch es ist ein langer und beschwerlicher Weg. Der Zug benötigt mehrere Stunden bis zum Städtchen Hamasaki, von dort fährt der Bus nach Kutoyama. Unterwegs zweigt der Weg nach Antaiji ab, hier muss man aussteigen und laufen – vier Kilometer bergan. Endlich ist das Ziel erreicht: das Zenkloster Antaiji.

Antaiji bedeutet Tempel des Friedens. Doch wer hier einen Frieden sucht, der in müßiger Versenkung ruht, wird ihn nicht finden. „Unsere Zen-Praxis folgt dem Motto: „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen“, schreibt Muho, der Abt des Klosters, und fährt fort: „Uns geht es nicht darum, zuerst die Welt um uns herum zu ändern: Wir müssen mit der Revolution in uns selbst beginnen.

Das bedeutet harte Arbeit beim Pflügen im Frühling, Schweiß beim Mähen in der Hitze des Sommers, Ernte in Regen und Dreck im Herbst und viel Schnee im Winter, der den Tempel von der Außenwelt abschneidet. Dieses Leben stellt für uns jedoch keine Askese dar, sondern wir setzen ganz einfach die ursprüngliche, ungeschminkte Form des Zen-Lebens in die Praxis um. Das selbst versorgende Leben ist nicht das Ziel selbst: Es dient nur dazu, unsere Praxis des Zazen zu ermöglichen.“

So steht es auf der Website des Klosters; auf Japanisch, Spanisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Polnisch, Russisch, Holländisch und auf Deutsch. Natürlich auf Deutsch. Denn Abt Muho ist Deutscher. In seinem Pass steht der Name Olaf Nölke, geboren 1968 in Berlin. Muho schreibt klare, schnörkellose Sätze, die dennoch Fragen offen lassen. Zum Beispiel: Wie wird ein Deutscher zum Abt eines japanischen Zen-Klosters?

Muho, Abt des Klosters Antaiji

Muho, Abt des Klosters Antaiji

Die schnelle Antwort: „Weil ich der Dumme war, an dem diese Aufgabe hängen geblieben ist“, sagt Muho. Für eine ausführlichere und tiefer gehende Antwort muss er zurückblenden ins Jahr 1984. Damals war Schüler eines Internats, ein 16-jähriger Junge, dessen Mutter an Krebs gestorben war, als er sieben war, und der sich seither mit grundlegenden Fragen herumplagte: „Warum leben wir überhaupt? Wenn wir sowieso sterben müssen, wozu all die Anstrengung in der Schule, wozu die Hektik bei der Arbeit, wozu eine Familie gründen und versorgen – ist nicht alles eins, wenn wir erst im Grab sind?“

Von einem Lehrer ließ er sich überreden, an einem Meditationskreis teilzunehmen, bei dem Zazen, Sitzmeditation, geübt wurde. Es ist die fundamentale Praxis des Zen-Buddhismus. Der Übende sitzt aufrecht auf einem Kissen oder einem Stuhl, die Wirbelsäule ist gut gestreckt, die Beine ruhen fest auf einer Sitzmatte. Der Geist ist offen: Gedanken kommen – und gehen wieder. Nicht nötig, sie festzuhalten oder gar auszuspinnen. Der Atem geht ruhig, ohne Absicht, natürlich.

Muho erinnert sich, dass ihn die Sitzmeditation vom ersten Tag an in den Bann schlug. „Es wurde mir schon bald klar: Wenn ich einen Weg mein Leben lang fortsetzen wollte, würde dies der Weg des Zen sein. Bis dahin hatte ich nur in meinem Kopf gelebt. Hätte mich damals jemand gefragt, wer ich war, hätte ich geantwortet: „Mein Hirn, was sonst?“ Doch auf dem Sitzkissen spürte ich zum ersten Mal bewusst meinen Atem, das Schlagen meines Herzens und die Haltung meines Rückgrats. Erst durch die Meditation erfuhr ich, dass meine Körperhaltung mich und ebenso die Welt um mich herum verändert. Was in meinem Geist vor sich geht, lässt sich nicht davon trennen, wie ich mit meinem Körper umgehe. Ich begann, Bücher über Zen zu lesen. Hier stieß ich wieder auf die Fragen, die mir bis dahin keiner beantworten konnte: Welchen Sinn hat das Leben? Wer bin ich?“

Muhos Buch, erschienen bei rororo

24 Jahre später hat Muho selbst ein sehr lesenswertes Buch geschrieben („Zazen oder der Weg zum Glück“), in dem er versucht, eine Antwort zu geben auf die Frage nach dem Sinn des Lebens – seines Lebens. Alle Wesen streben nach Glück, auch der junge Olaf Nölte, der Ende der Achtziger Jahre Japanisch und daneben Physik und Philosophie studiert. Seine freie Zeit verbringt er mit Zenmeditation, denn dabei, so scheint es ihm, findet er Glück und Frieden. Das Sitzkissen ist eine Insel im Sturm des Lebens, ein japanisches Zenkloster, so denkt er, wäre sogar ein noch sicherer Hafen. Im Vorwort seines Buches beschreibt Muho anschaulich den Weg, der ihn vom Studenten zum Abt von Antaiji werden lässt. Und zu einem glücklichen Menschen – hinter diesen Satz lässt Muho ein Fragezeichen stehen.

Antaiji  im Winter

Antaiji im Winter

„Während eines einjährigen Aufenthalts an der Universität in Kyoto lernte ich Antaiji, ein Zenkloster in den japanischen Bergen, kennen. Dort glaubte ich, endlich einen Platz für mich gefunden zu haben, und nach meinem Studienabschluss bat ich den Abt, mich als Schüler zu akzeptieren und zum buddhistischen Mönch zu ordinieren. Olaf Nölke nahm den Mönchsnamen Muho an – „offen für viele Richtungen“.

Das Leben als Zenmönch war anders, als er es sich vorgestellt hatte. „Ich war auf ein Klosterleben, das auf Selbstversorgung beruht, nicht vorbereitet. Auf mich warteten Feld- und Bauarbeiten, Baumfällen und Holzhacken. Dazu kam der Küchendienst: Einzig Rühr- und Spiegeleier konnte ich kochen, als ich plötzlich allein am Herd stand und für die Mönchsgemeinschaft das Essen bereiten musste. Nicht nur einmal hatte ich meine Koffer gepackt und war nur deshalb im Kloster geblieben, weil es schon spät und der letzte Bus am Fuß des Berges längst abgefahren war.

Arbeit im  Klostergarten

Arbeit im Klostergarten

Am nächsten Morgen sagte ich mir dann immer: Ich probiere es wenigstens bis zum Mittag. Und nach dem Mittagessen: Ich werde diesen Nachmittag noch mitmachen. Am Abend war es dann wieder zu spät zur Abfahrt, ich hatte einen weiteren Tag im Zenkloster hinter mich gebracht.“

Die ersten Jahre waren alles andere als glücklich. Nicht nur die harte körperliche Arbeit setzte Muho zu, auch an die strenge Hierarchie im Klosteralltag konnte er sich nur schwer anpassen. Doch irgendwann änderte sich seine Sichtweise. „Ich begann allmählich zu begreifen, dass die Antworten auf meine Fragen nicht irgendwo in der Zukunft auf mich warteten, sondern dass die Fragen vielmehr an mich selbst gerichtet sind. Es liegt also an mir, Antworten zu geben. Wenn nicht ich dies tue, wer dann? Wenn nicht heute, wann dann? Wenn nicht hier an diesem Ort, wo dann? Damit wurde vieles leichter. Ich hatte gelernt, dass mein Weg direkt unter meinen Füßen beginnt, und jeder einzelne Tag, jeder Augenblick und jeder Atemzug ein neuer Schritt auf diesem Weg bedeuten. Gleichzeitig hatte ich aber auch zu lernen, mich selbst ganz aufzugeben, um diesen Weg zu gehen,“ schreibt Muho in seinem Buch.

Zehn Jahre nach der Begegnung mit dem Meister in Antaiji übertrug dieser dem Mönch aus Deutschland formell die Lehre, er bevollmächtigte ihn, als eigenständiger Zenmeister selbst Schüler anzunehmen. Muho hätte nach Deutschland zurückgehen können, doch er beschloss, für eine Weile in Japan zu bleiben. „Es war mein Wunsch, irgendwo in der Großstadt eine Zengruppe zu gründen, um dem gewöhnlichen Japaner eine Möglichkeit zu geben, mit der geistigen Tradition seines eigenen Landes in Berührung zu kommen. Die japanische Gesellschaft ist stark verwestlicht, und die meisten Japaner kennen noch nicht einmal die Schriftzeichen für Zazen, denn nur in wenigen, weit abgelegenen Priesterseminaren haben sie heute die Gelegenheit, an der Praxis der Zenmönche teilzunehmen.

Das Kloster Antaiji

Außenansicht Antaiji

Für mich bedeutete dieses Vorhaben, eine Schuld zu begleichen. Ich wollte all das, was ich gelernt hatte, an wenigstens einen Japaner weitergeben. So schlug ich meine Zelte in der Großstadt auf, und zwar wörtlich: zwei Zelte im Schlosspark von Osaka. Ich lebte dort gemeinsam mit Hunderten von Obdachlosen, die ihre Planen zwischen die Bäume gespannt hatten. Morgens meditierte ich zwei Stunden lang mit jedem, der kommen wollte, tagsüber bettelte ich und übersetzte Zen-Bücher ins Deutsche. Ich hatte im Park ein Zuhause gefunden, als mich ein Anruf auf meinem Handy erreichte: Mein Meister war beim Schneeräumen tödlich verunglückt, ich musste zurück nach Antaiji.“

Mehr noch: Muho musste in Antaiji bleiben – und als Abt die Verantwortung übernehmen. Zwar hatte sein Meister auch weitere Schüler gehabt, Japaner. Doch sie standen eigenen Tempeln vor; keiner war bereit, in die Abgeschiedenheit der japanischen Berge zu ziehen. Das hätte Verzicht bedeutet: Buddhistischen Tempeln, oft vom Vater auf den Sohn vererbt, obliegt in Japan das Abhalten von Totenmessen oder Gedenkfeiern für die Ahnen. Ihre Dienste lassen sich die Tempel bezahlen, manchmal teuer. Mit einer Fläche von 50 Hektar ist Antaiji zwar reich an Land und Arbeit, aber arm an Einkommen: Im Umkreis leben nur wenige Menschen.

Der Abschied von Osaka und dem freien Leben im Park fiel Muho schwer, auch deshalb, weil er sich gerade in eine junge Japanerin verliebt hatte: Tomomi, die zu seinem Meditationskreis gehörte. Würde sie mit ihm nach Antaiji ziehen? Sie tat es. Die beiden heirateten und bekamen zwei Kinder – in der Japanischen Zentradition wurde der Zölibat vor etwa 150 Jahren abgeschafft.

Abt Muho mit seinen Kindern

Befragt, was sein größtes Glück sei, sagt Muho: „Die Zeit mit meinen Kindern.“ Viel Zeit bleibt ihm nicht, denn der Tagesablauf in Antaiji ist streng geregelt: Aufgestanden wird um 3:30 Uhr, die erste Sitzmeditation, Zazen, beginnt um 4:00 Uhr. „Licht aus“ heißt es gegen 21:00 Uhr. Von April bis Dezember sind die Wochen ausgefüllt mit einem steten Wechsel mehrtägiger Meditationsübungen, den Sesshin, und Arbeitseinsätzen auf den Feldern, im Garten und im Wald. Was die Bewohner von Antaiji zum Essen (meist ist es Reis und verschiedene Gemüse) und zum Heizen benötigen, müssen sie fast vollständig selbst erwirtschaften. Antaiji ist arm, das jährliche Budget für Anschaffungen und Ausgaben beträgt weniger als 15 000 Euro – das Geld zumeist kommt von Spendern.

Während der Sesshin wird täglich bis zu 13 Stunden Zazen geübt. Die Arbeitstage sind hart; es gibt nur einen freien Tag in der Woche. Lediglich zwischen Januar und März, wenn ringsum die Welt in meterhohem Schnee versinkt, geht es etwas geruhsamer zu. Doch auch dann wird fast alles gemeinsam, in der Gruppe, der Sangha, gemacht. „Wer glaubt, ohne die Gruppe besser praktizieren zu können, der braucht nicht extra nach Antaiji zu kommen. Mach dir hier nicht dein eigenes Privatprogramm zurecht,“ heißt es unmissverständlich in den Klosterregeln.

Wer tut sich bloß ein solches Leben an? Es sind Menschen wie Muho; Menschen auf der Suche nach dem Glück. Die Zahl schwankt, zumeist hat Antaiji etwa 20 Bewohner: Japaner, Europäer, Amerikaner. Einige sind ordinierte Mönche, die meisten aber Laien – und jung. Für einige Monate wählen sie einen Lebensstil, der gemessen mit den Maßstäben einer Spaßgeselllschaft nur als „komplett durchgeknallt“ gelten kann.

Doch mit der Spaßgesellschaft und ihren Glücksverheißungen können die Leute von Antaiji nicht allzu viel anfangen, deswegen sind sie im Kloster. Muho sagt: „Glück wird oft missverstanden als ein Gefühl, dem wir hinterherlaufen müssen, oder es sonst irgendwie „machen“ müssen. Ich glaube dagegen, dass das Glück kein Gefühl sondern die Praxis ist, die darin besteht, das Leben in jedem Augenblick ganz zu leben.“ Wie es ein berühmter Zen-Spruch sinngemäß sagt: Beim Essen nur essen (und nicht denken oder bewerten), beim Unkraut jähten nur Unkraut jähten, auf dem Klo nur – genau.

Für Abt Muho ist Zazen ein Weg, ein Augenblick, Glück zu erfahren. Dass dieser Weg als einziger zum Glück führt, will er nicht behaupten. „Ob es überhaupt ein Weg zum Glück ist, und nicht vielmehr ein Loslassen, Sich-Öffnen und Verantwortung-Übernehmen für das Leben, so wie es ist, darüber habe ich in meinem Buch geschrieben,“ sagt er.

Abt Muho

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Zenkloster Antaiji

Es ist möglich, das Zen-Kloster Antaij zu besuchen, allerdings nicht für ein bloßes „Sightseeing“. Wer kommen will, muss bereit sein, sich für einige Tage, Wochen oder Monate in den harten Klosteralltag einzufügen. Umfangreiche Informationen, auch über Abt Muho und sein Buch Zazen oder der Weg zum Glück, liefert die Website

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