2. März 2011

Der Hingucker von Osaka

Mit seinem Foto-Tagebuch „Ozaka fotolog“ liefert der japanische Fotograf Banriman ungewöhnliche Einsichten in den Alltag seiner Heimatstadt und der japanischen Kultur. MAYmagazine zeigt eine Auswahl seiner stärksten – und manchmal skurrilen – Aufnahmen

Die riesige Fackel brannte wie ein Höllenfeuer. Anhänger der alten japanischen Volksreligion Shugendo hatten sie entzündet. Mit einem magischen Ritual wollten sie Kraft schöpfen aus der elementaren Energie des Feuers. „Es war wahnsinnig heiß“, sagt Banri Tanaka. „Das Ganze war sehr heilig, aber auch ziemlich verrückt.“

Natürlich war es ziemlich verrückt, dass sich der Fotograf so nah an das Feuer heranwagte. Aber schließlich: Wegen dieser Flammen war er in das Städtchen Gose zum Tempel Kisshosou gereist. Bewöhner der umliegenden Dörfer hatten den ganzen Tag über das Holz für die Fackel aufgeschichtet. Jetzt löste sich die Mühsal in Flammen auf. Ein Grund zum Feiern: „Ich gab ihnen Fotoabzüge, sie gaben mir Omiki, geweihten Sake. Viel, viel Sake!“

Das Heilige und das Profane, sie gehören zum Yin und Yang des Lebens, sagt Banri Tanaka. „Man muss Extreme ausloten, um einen Weg der Mitte zu finden.“ Er tut es mit der Kamera. Sein Geld verdient der 43-Jährige, wenn er Magazinbeiträge oder Werbung fotografiert, in Tokio, zumeist aber in seiner Heimatstadt Osaka. Als „Banriman“ fotografiert er seinen „Ozaka fotolog“,  ein Foto-Tagebuch.

Osaka, eingebettet in die Kansai-Region mit 22-Millionen Einwohnern, gilt als die Nummer 2 in Japan. Eine Stadt für den zweiten Blick: Zunächst scheint sie ein Herz aus Beton zu haben. Erst bei näherem Hinsehen enthüllt die Geschäftsmetropole ihren diskreten Charme und die Lebensfreude ihrer Bewohner. „Banriman“ Tanaka guckt ganz genau hin. Den Alltag auf Straßen, Feste und Freunde, Kultur und Subkultur, das Ungewöhnliche und das Banale – er fängt es in seinen Fotos ein. Und wird damit zu einer Art Oszillograph der japanischen Alltagskultur.

Seinen Blick geschärft hat Banriman etwa 10 000 Kilometer entfernt von Osaka. Sechseinhalb Jahre lebte er in Los Angeles. Angezogen hatte ihn der Traum vom Filmemachen, doch Hollywood blieb unerreichbar. Näher lag die Arbeit als Assistent bei einem japanischstämmigen Werbefotografen. Ein schreckliches Erdbeben trieb Banriman 1995 zurück in die Heimat. Als Freiwilliger half er bei der Reorganisation des Lebens in der Stadt Kobe. Danach begann er, für Magazine zu fotografieren, 2005 öffnete er seinen „Ozaka fotolog“.

„Als ich aus den USA zurück kam, habe ich Japan mit anderen Augen gesehen“, sagt Banriman. „Es hatte sich in meiner Abwesenheit eigentlich nicht so viel verändert, aber nun kam mir vieles sehr seltsam vor.“ Und auch komisch. Banriman ist neugierig, und er hat einen Sinn für Humor. Er inszeniert keine Fotos, auch geht es im nicht um ironische oder gar sarkastische Gesellschaftskritik. Doch die Absurdität des Lebens in allen ihren Erscheinungen – sie ist immer ein reizvolles Motiv. An manchen Tagen wird Banriman bereits nach einer Stunde fündig, manchmal streift er den ganzen Tag durch die Stadt. Früher war er eher scheu, in den USA hat er gelernt, auf die Menschen zuzugehen. Wie lange will er den „Ozaka fotolog“ noch führen? Banriman weiß es nicht. Auf seiner Website zitiert er aus dem Kungfu-Film Enter the Dragon (Der Mann mit der Todeskralle, 1973) mit Bruce Lee: „Denke nicht. Fühle! Der Finger zeigt auf den Mond, aber konzentriere dich nicht auf den Finger. Sonst wirst du den Ruhm des Himmels niemals erfahren.“

Wohin zeigt meine Kameralinse? fragt Banriman Tanaka und antwortet sich selbst: „Ich schieße Phänomene, die vor meiner Kamera auftauchen, während ich herumwandere. Doch den Ruhm des Himmels habe ich noch nicht gefunden.“

Kontakt: http://homepage.mac.com/banri/

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