31. Juli 2011

Ausdrucksvolle Ansichten: Installation von JR 2011 im Pariser Centre Pompidou, Sommer 2011

Subversiv im Großformat

Der französische Fotokünstler JR liebt die Anonymität, doch er macht Furore: Seine Straßenkunst provoziert Diskussionen – in Pariser Nobelvierteln und in Shanghai ebenso wie in afrikanischen Dörfern und den Favelas von Rio de Janeiro

Ein Gringo läuft durch die Favela Morro da Providência, ein junger Franzose, der muss verrückt sein. Traut sich in das älteste Elendsviertel von Rio de Janeiro, eine teure Leica-Kamera um den Hals und im Kopf einen kühnen Plan: An diesen lebensgefährlichen Ort, fest in der Gewalt von Drogenbanden, will er Kunst bringen. Er will die Hütten mit Wand hohen Postern bekleben – Schwarz-Weiß Fotos von Augen und Gesichtern, Nahaufnahmen von Frauen aus der Favela.  „Women are Heroes“ nennt er sein Vorhaben. Mit ihm will er denen ein Gesicht geben, die sonst in der Anonymität verharren müssen: Heldinnen des Alltags, wie die Frauen von Morro da Providência.

Women are heroes: JR' JR

Kunst in der Favela – ein verrückter Plan. Und er geht auf: Zunächst sind die Favelados verblüfft, dann begeistert. Die Frauen lassen sich fotografieren, ihre ausdrucksvollen Gesichter erzählen ihre Geschichte, erzählen von Stärke im Leiden. Drogenkuriere und Taugenichtse helfen, die Poster an die Hüttenwände zu pflastern. Die Favela wird zur großen Galerie. Schließlich blicken dutzendfach die Augen von Providência vom Hügel hinunter auf das reiche Rio – ein Kunstwerk, das provoziert und 2008 zum Stadtgespräch wird.

Hinter der Subversion im Großformat steht JR, ein 27-Jähriger Fotokünstler aus Paris, der es vorzieht, anonym zu bleiben. JR nennt sich „Photograffeur“, eine Anspielung auf seine Kunst, die großflächige Fotografie und Graffiti-Ästhetik verbindet. 2004 betrat JR spektakulär die Szene: In den von Unruhen erschütterten Banlieus von Paris fotografierte er Jugendliche und plakatierte nächtens ihre Portraits im feinen Marais-Viertel, illegal, mit Hilfe von Freunden. Das bürgerliche Paris war schockiert – und legalisierte später die Aktion. Die Stadtverwaltung lud JR ein, weitere Motive von „Portraits of a Generation“ an öffentlichen Gebäuden anzubringen. Auf der Ile de Cité gestaltete JR im Oktober 2009 beim Kunstfestival Nuit Blanche mit Dutzenden von Helfern Brücken und Mauern entlang der Seine. „Eine tolle Sache, mit unserer Straßenkunst erreichen wir Menschen, die nie ins Museum gehen“, freut sich JR.

Aufrüttelnd und ohne Genehmigung gestaltete sich auch sein Projekt „Face2Face“: 2007 portraitierte JR Israelis und

"Face2Face": Palästinenser und Israelis, 2006

Palästinenser und plakatierte die riesigen Nahaufnahmen Gesicht zu Gesicht entlang der Trennungsmauer in der Westbank und in benachbarten Siedlungen. Die Botschaft war unübersehbar: An ihren Gesichtszügen ließen sich die verfeindeten Gruppen nicht unterscheiden. Mit „Wrinkels of the City“ setzt JR den zumeist alten Bewohnern alter Stadtvierteln ein Denkmal – im spanischen Cartagena und in Shanghai plakatierte er ihre Portraits auf Wohnhäuser, bevor sie von Abrissbaggern beseitigt wurden.

Die Schauplätze von „Woman are Heroes“ sind neben Rio de Janeiro Städte und Dörfer in Indien, Kambodscha, Kenia und Sierra Leone. Orte, die in den Medien gewöhnlich nur für Schreckensberichte taugen. Auch JR und sein kleines Team von Helfern mussten gefährliche Situationen überstehen. Doch am Ende ging stets alles gut aus, dank der „Kraft der Kunst“, sagt JR. Sie öffnete Türen und Herzen –  eine beglückende Erfahrungen für den Fotografen und für die Fotografierten.

Inzwischen wird JR als aufgehender Star am Himmel über der Kunstwelt gefeiert, Sotheby’s versteigert seine Werke, in Museen werden sie ausgestellt. Im März erhielt er den mit 100 000 Dollar dotierten TED-Preis verliehen, mit dem die amerikanische Non-Profit-Organisation TED Ideen honoriert, „die es Wert sind, über die Welt verbreitet zu werden“. Die Dokumentation „Woman are Heroes“, auf Filmfestivals gelobt, läuft zunächst in Frankreich in den Kinos. Das Geld, das er einnimmt, gibt JR auch wieder aus – für neue Projekte und für die „Nachbereitung“ von alten: In Morro da Providência etwa gründete er ein Kulturzentrum, in dem sich Kinder als Favela-Fotografen üben können.

Die 100 000 TED-Dollar steckt JR auch in sein neuestes Kunstprojekt Inside Out. Wieder geht es JR, darum, mit Hilfe von großen Portraitfotos „unerzählte Geschichten“ zu erzählen. Jedermann kann sich daran beteiligen: Man schickt ein Schwarz-Weiß Portrait an www. insideoutproject.net. Die Portraits werden zu Postern gemacht und zurückgeschickt an die  Absender. Die können dann mit den Postern in ihrer Gemeinde wie JR agieren – und die Portraits an Wände und auf Dächer kleben.

„Meine Kunst verändert nicht die Welt; aber ich hoffe, sie regt dazu an, die Sicht auf die Welt und auf die Menschen zu verändern“, sagt JR. Seine Arbeit ist anstrengend, „wenn ich nur an die Logistik denke!“ Vor allem aber ist sie ein großes Vergnügen. Der schönste Moment im Künstlerleben: „Wenn wir ein neues Plakat an die Wand kleben!“

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