27. Juli 2011

Zuerst Mensch, dann Musiker: Herbie Hancock, entspannt im Hier und Jetzt

Zuerst Mensch, dann Musiker: Herbie Hancock, entspannt im Hier und Jetzt

Imagine Herbie

Der Pianist Herbie Hancock erfindet sich immer wieder neu. Im Interview mit Hans Oberländer sagt der amerikanische Ausnahmekünstler, weshalb er Herausforderungen sucht, Kuschelecken meidet und weshalb sein aktuelles Imagine Project eine spirituelle Botschaft ist.

Am Ende tanzten sie: im Publikum und auf der Bühne, zum Beat von Rockit und von Chameleon. Und hätte der Manager nicht mit der Taschenlampe ungeduldig zum Aufbruch gemorst, Herbie Hancock und seine Band hätten in der Hamburger Laeiszhalle vielleicht noch eine weitere Zugabe gespielt. Doch das wäre wohl des Guten zu viel gewesen – nach 140 Minuten Konzert, bei dem der Meister und seine Mitmusiker das Publikum mitnahmen auf einen Parforceritt durch fast 50 Jahre Herbie Hancock-Musik – und darüber hinaus.

Ein nimmermüdes, immer kreatives Musikgenie, das, einem Chamäleon gleich, virtuos seinen musikalischen Ausdruck zu wechseln vermag, ein offengeistiger Reisender durch den Kosmos der Musik, der sein Keyboard auf Planeten landen lässt, die mal Modern Jazz heißen, mal Funk, mal Electro, mal Pop: So kennt man Herbie Hancock. Deswegen liebt man ihn, überhäuft ihn mit Preisen und Auszeichnungen. Inzwischen 70 Jahre alt, verweigert sich Herbie Hancock beharrlich den Schubladen, in die ihn manche Kritiker und Fans stecken wollen. Herbie ist immer für eine Überraschung gut. Auch in Hamburg, wo er im Rahmen der Imagine Project-Tour auftrat.

Dabei überraschte weniger, was er spielte. Sondern was er sagte. Der Pianist tat etwas, was Jazzmusiker gewöhnlich hassen wie einen schleppenden Beat: Er hielt eine Rede. Sprach über Globalisierung, den Weltfrieden und was die Musik des Imagine Projects mit all dem zu tun hat. Es war eine ziemlich lange Ansprache, doch lässt sie sich auf einen kurzen Nenner bringen: Herbie Hancock hat eine spirituelle Mission. Und die geht über das Musikmachen weit hinaus. Wie weit? Wohin? Herbie Hancock gibt Auskunft.

Das Hotel The Landmark London steht im Stadtteil Westminster, unweit des Regents Park. Eine feine Adresse, gediegener victorianischer Luxus, auch in der Suite 606. Die Pressedame öffnet die Tür mit herzlichem Lächeln und bittet um etwas Geduld: Herbie ist noch in den Händen der Visagistin. Journalist und Fotograf nehmen im Rücken des Meisters Platz und sind gespannt. Einen Ausnahmekünstler trifft man nicht alle Tage.

„Hi, nice to meet you.“ Hancock lächelt freundlich. Auch ohne Makeup sähe er gut aus, man schätzt ihn eher 60 denn 70 Jahre alt, und daran ändert das Hörgerät nichts, dass er trägt, seit er „die Spitzen“ nicht mehr so gut wahrnimmt. Hancock und der Journalist setzen sich nebeneinander auf das Sofa. Okay, Kassettenrekorder läuft, Takin’ Off:

Mister Hancock…

…bitte nennen Sie mich Herbie.

Herbie, Sie sind seit mehr als vierzig Jahren mit einer Deutschen verheiratet. Sprechen Sie deutsch? Wollen wir uns auf Deutsch unterhalten?

Herbie Hancock sagt auf Deutsch: „Ich spreche etwas deutsch, aber nicht sehr gut.“ Er lacht und fährt fort auf Englisch: „Und eigentlich ist das bereits übertrieben!“

Sprache spielt auf ihrer neuen Platte, dem Imagine Project, eine wichtige Rolle…

Die Songs werden in sieben Sprachen gesungen – von Musikern aus elf Ländern!

Worum geht es Ihnen beim Imagine Project?

John Lennons berühmter Song Imagine diente als Ausgangspunkt…

Imagine all the people, living life in peace…

Darum geht’s. Wie bekommen wir das hin: eine Welt, ein Leben in Frieden? Wir reden viel von Globalisierung. Seit Jahren wird ihre Notwendigkeit beschworen, vor allem von Politiker und Wirtschaftleuten. Doch wie sieht es in der Realität aus? Nehmen wir mal die Musik, die aus den USA kommt. Oft ist sie global, aber nur in dem Sinn, dass die Songs in den Top 10 von Ländern überall auf der Welt stehen. Gesungen wird natürlich in Englisch, es ist letztlich amerikanische Musik. Das ist nicht das, was ich mir unter Globalisierung vorstelle. Die muss weiter und vor allem tiefer gehen. Dafür benötigen wir gegenseitigen Respekt und das Verständnis der jeweils anderen Kultur.

Herbie Hancock

Roaring Seventies: Herbie Hancock, jugendlich mit 70

Über dieses Thema hat er in den vergangenen Monaten schon oft in Interviews gesprochen. Doch obwohl sich einige Ausdrücke, Bilder, Satzteile wiederholen, schafft es Hancock, PR-Sprech zu vermeiden und auch nicht zu dozieren oder zu predigen. Es scheint ihm ein Herzensanliegen zu sein.

Wie wollen Sie Respekt und Verständnis fördern – mit Hilfe einer neuen Art von Weltmusik?

Weltmusik, so wie sie bisher meist verstanden wird, ist nicht sonderlich populär in den USA. Musik aus Afrika oder Asien – das klingt in den meisten Ohren zu exotisch. Für mich war das eine reizvolle Aufgabe: Eine Platte zu machen, die für amerikanische Ohren nicht fremd klingt, obwohl sie viel Fremdes enthält. Und natürlich soll die Platte den Leuten gefallen und sich verkaufen!

Von Musikern wie Oumou Sangare oder der Tuaregband Tinariwen dürften in den USA bislang nur Insider gewusst haben.

Ich selbst hatte noch nie etwas von ihnen gehört, weil ich mich vor allem mit Jazz und Instrumentalmusik beschäftigt habe. Larry Klein, mein Co-Produzent, hat viel mit Sängern gearbeitet. Er hat die meisten Künstler vorgeschlagen.

Imagine Project ist auch ein Aufgebot von arrivierten Stars, unter ihnen die Sängerinnen Pink und India Arie, die eher für Pop und Mainstream stehen. Und Songs wie Bob Dylan’s The Times They Are A’ Changin’ sind Gassenhauer, die man schon oft gehört hat.

Aber nicht so: gespielt von der irischen Folkband The Chieftains, begleitet von Toumani Diabaté aus Mali, der Kora spielt, eine afrikanische Harfe. Das hört sich wild an? Vielleicht, aber auf der Platte klingt es sehr harmonisch. Dabei sind die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse deutlich herauszuhören. Ich wollte Musik schaffen, die jede Kultur – einzeln und für sich – nicht so gut hinbekommen hätte.

Das globale Ganze ist besser als seine Teile?

Vor allem ist es etwas Neues. Und etwas, was den Musikgeschmack speziell des amerikanischen Publikums erweitert, so hoffe ich.

Weshalb haben sie populäre Künstler wie etwa Pink ausgewählt – um den Mainstream des Publikums zu erreichen?

Pink ist ganz einfach eine sehr gute Sängerin! Ich hatte noch nie mit ihr zusammengearbeitet und die Musikrichtung, aus der sie kommt, war mir auch ziemlich fremd. Ich genieße es, wenn ich mit erstklassigen Musikern zusammenarbeiten kann. Umso mehr, wenn ich dabei noch etwas lernen kann. Und ich möchte noch viel lernen!

Die anderen Musiker lernen auch viel Ihnen. Und es ist natürlich eine große Ehre, mit dem berühmten Herbie Hancock auf der Bühne oder im Tonstudio zu stehen.

Wissen Sie, weshalb all die vielen Musiker, einige ja große Stars, so begeistert beim Imagine Project mitgewirkt haben? Weil sie die Idee dahinter gut finden! Deshalb wollte jeder mitmachen!

Musik, die den Frieden auf der Welt fördert: Ist das nicht ein all zu naives Hippie-Ideal?

Musik spricht unsere tiefsten Gefühle an, sie kann unsere Herzen berühren. Und wo sollte der Friede beginnen? Im Herzen eines jeden einzelnen von uns, nicht wahr?

Wie friedlich ging es denn bei den Aufnahmen für das Imagine Project zu? Sie waren in Tonstudios in sieben Ländern, dort trafen ja wohl die unterschiedlichsten Charaktere und Arbeitsweisen aufeinander?

Es war großartig, eine Herausforderung und eine Inspiration, für jeden von uns. Bleiben wir mal bei der musikalischen Seite: Wir in den USA sind es gewohnt, in the pocket zu spielen, mit einem Groove, der absolut „dicht“ ist, zugleich aber sehr lebendig. Afrikanische oder südamerikanische Musiker haben oft ein völlig anderes Verständnis von Groove. Eine „dichte“ und eine eher „lockere“ Spielweise so zu verzahnen, dass es harmonisch und selbstverständlich klingt, ist sehr schwierig.

Auf Imagine Project klingt alles easy.

Danke für das Kompliment.

Cover der CD Imagine Project

Imagine Project: Hancocks neue Art von Weltmusik

Schon oft hat Herbie Hancock erklärt, dass er mit der Unterscheidung von „leichter“ (und damit minderwertiger) Pop- und Rockmusik und „schwerer“ (und künstlerisch wertvoller) Klassik und Jazz nichts anfangen kann. Für ihn ist es ganz einfach – alles ist Musik. Man mag den einen Stil lieber mögen als den anderen, das ist Geschmackssache. Werturteile vermeidet Hancock. Ihn interessiert beim Musikmachen etwas ganz anderes: Spiele ich etwas, was ich vorher so noch nicht gespielt habe? Hilft mir diese Musik, aus meiner Kuschelecke herauszukommen?

„Ich suche verschiedene Arten von Herausforderungen,“ so Hancock in einem Interview. „Ich suche verschiedene Wege, um mich immer wieder neu auszudrücken, meine Gefühle, Ideen, meinen Glauben. Ich glaube an die Menschheit und an die Kreativität des menschlichen Geistes. Jeder Mensch hat die Fähigkeit, kreativ zu sein. Viele Menschen entwickeln ihre Kreativität nicht, weil sie Angst haben, den vertrauten Rahmen ihres Denkens und Handelns zu sprengen. Ich suche immer nach Wegen, meine Komfortzone zu verlassen.“

Die Jahre 1963 bis 1968 im Quintett von Miles Davis haben Hancock geprägt. „Miles hat uns dafür bezahlt, neue musikalische Felder zu entdecken. Er hat uns angehalten, das Vertraute zurückzulassen und das Unbekannte (und auch Unbequeme) zu suchen. Dieser Spirit hat sich bei mir eingegraben, und ich versuche, ihn in meinem Alltag und in meiner Arbeit auszudrücken. Ich mag die Herausforderung, immer wieder eine neue Vision, einen neuen Pfad des Selbstausdrucks zu suchen.“

Das Publikum und Musikkritiker stecken Künstler gern in eine Schublade – dann sind sie sicher in ihrem Urteil.

Ich habe mich selbst viele Jahre lang in eine Schublade gepackt, indem ich mich ausschließlich als Musiker, als Jazzmusiker, verstanden und definiert habe.

Was war daran falsch?

Ich habe mich selbst eingeengt. Schließlich habe ich erkannt: Ich bin nicht Musiker, ich mache Musik. Das ist ein gewaltiger Unterschied! Ich bin nicht nur Musiker, sondern auch Ehemann, Vater, Bürger von Los Angeles und so weiter. Vor allem und zunächst einmal aber bin ich: ein Mensch. Ein Mensch wie sieben Milliarden andere Menschen auch. Das mag zunächst banal klingen, doch diese tiefe Erkenntnis hat mein Leben verändert. Weil ich danach in der Lage war, Wände einzureißen, die den Nur-Musiker Herbie Hancock von seinen Mitmenschen getrennt haben.

Was haben sie hinter den Wänden entdeckt?

Ich sehe mein Leben inzwischen aus einer deutlich breiteren Perspektive. Es geht mir nicht mehr nur um die Musik. Tatsächlich besteht mein Hauptanliegen darin, mitzuwirken, dass Menschen ihre Menschlichkeit erkennen – und leben.

Mit der Musik, in der Musik…

Herbie Hancock lacht. „Am schönsten ist es natürlich auf der Bühne oder im Tonstudio!“

Dann darf auch Jazz gespielt werden?

Ich könnte nicht meine Musik machen, wenn ich nicht den Jazz-Hintergrund hätte. Das Großartige am Jazz ist seine Offenheit. Alles ist möglich, aber zunächst musst du auf die anderen hören! Auch das habe ich von Miles Davis gelernt: zuhören. Und: Räume schaffen. Platz lassen – dir und den anderen.

Wie beginnt bei Ihnen eine Improvisation? Haben sie einen bestimmten Sound, eine Stimmung im Kopf?

Manchmal. Aber eigentlich geht es mir darum, mich frei zu machen von allen Vorstellungen. Am schönsten sind die Momente auf der Bühne, wenn ich nicht daran denken muss, was meine Finger als nächstes spielen. Weil die Finger ganz natürlich von selbst spielen.

Sie sind seit vielen Jahren Buddhist und praktizieren in der Form der japanischen Nichiren-Schule. Im Mittelpunkt steht dabei das häufige Rezitieren eines Mantras, Nam Myoho Renge Kyo. Welchen Einfluss hat das Mantra auf Ihre künstlerische Arbeit?

Es beeinflusst mein ganzes Leben, und zwar sehr stark. Kurz und etwas vereinfacht gesagt: „Nam Myoho Renge Kyo“ ist wie der Klang des Lebens, das Mantra ist Ausdruck des kosmischen Gesetzes von Ursache und Wirkung. Wenn ich das Mantra rezitiere, hilft es mir, im Einklang mit dem Universum zu sein, eines Universums, das ja nicht nur außerhalb von mir existiert, sondern auch in mir.

Das Prinzip von Ursache und Wirkung besagt nach buddhistischem Verständnis, dass Gedanken und Handlungen notwendig Auswirkungen haben. Diese manifestieren sich, sobald die Gründe für ihr Entstehen „reif“ sind – so wie ein Samen langsam zu einer Frucht heranwächst. Entscheidend ist die Absicht, die hinter den Gedanken und Taten stehen: Positive Gedanken haben positive Wirkungen, negative Gedanken negative Auswirkungen.

Herbie Hancock Portrait

Herbie Hancock: „Das Mantra hat mein Leben verändert“

In einem Interview mit der amerikanischen Website beliefnet.com hat Herbie Hancock 2007 ausführlich dargelegt, wie die buddhistische Praxis sein Leben bereichert und wie sie sein Selbstverständnis als Künstler weiterentwickelt hat. „Nam Myoho Renge Kyo“ treibt ihn stets aufs Neue heraus aus liebgewordenen, aber verstaubten Kuschelecken. Das Mantra sorgt auch dafür, dass er vom Klavierhocker aufsteht und vom Bühnenrand eine Rede hält, in der er für den Weltfrieden wirbt – dem Nur-Musiker wäre das niemals eingefallen. Befragt, ob das Imagine Project seine bislang engste Verbindung von Religion und Musik sei, sagt Herbie: „Ja, dem stimme ich zu.“

Wie sind Sie auf „Nam Myoho Renge Kyo“ gestoßen?

Durch einen Freund, den Bassisten Buster Williams, der damals, 1972, Mitglied meiner Band war. Wir hatten kräftig gefeiert und kaum geschlafen, abends beim Konzert in einem Club in Seattle, erstes Stück, fühlte ich mich entsprechend mau. Zum Glück hatte ich eine Idee: Hey, Bass-Solo! Buster fing an – und spielte und spielte. Er spielte Toys auf eine Weise, wie ich weder ihn noch irgendeinen anderen Bassisten hatte spielen hören. Wow! Es war unglaublich spirituell. Nach dem Konzert kamen Leute aus dem Publikum zu uns, die hatten Tränen in den Augen, so ergriffen waren sie. Ich wusste, dass Buster sich für Buddhismus interessierte. Als ich nachfragte, erzählte er mir von seiner Praxis: „Nam Myoho Renge Kyo, Nam Myoho Renge Kyo“. Ich sagte: Und das soll ich glauben? Darauf er: Das musst Du nicht glauben, das musst Du ausprobieren. Tja, und das habe ich dann getan.

Sie haben mit zahlreichen Musik-Größen gespielt, jüngst auch mit dem chinesischen Pianisten Lang Lang. Bleiben da noch Wünsche offen?

Ich würde gerne etwas mit Peter Gabriel machen…

… ein Wesensverwandter, wenn es um Kreativität jenseits eingetrampelter Pfade geht…

„…und mit U 2.“

Herbie Hancock im Duett mit Bono? Herrje, da werden sich die Jazz-Puristen aber gruseln!

Sorry, sorry. Aber ich habe nirgendwo mit meinem Blut unterschreiben, dass ich mein Leben lang nichts anderes als Jazz spiele. Kritiker und Puristen sollten akzeptieren: Ich möchte frei sein.

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